Sketch zum Thema „Neuanfang“
(Mann und Frau sitzen am Frühstückstisch. Es ist samstags morgen.)
Frau: (voller Tatendrang) Was machen wir denn heute?
Mann: Ich wollte noch ein bißchen lesen und mich entspannen. Es war eine anstrengende Woche.
Frau: (unwillig) Jetzt laß uns nicht
wieder den ganzen Vormittag vertrödeln. Es ist so ein schönes
Wetter draußen. Die Sonne scheint und es ist Frühling. Überall
fängt es an zu wachsen und blühen.
Wir müssen den Garten jetzt in Ordnung bringen.
Mann: Ja, ja, du hast ja recht. Aber laß mich bitte noch ein bißchen lesen.
Frau: Ach nun komm. Es ist doch toll, daß
man im Frühling quasi wieder neu beginnen kann. Man kann jetzt neue
Blumen pflanzen.
Der häßliche Busch dahinten kommt weg und dort kommt eine
Kletterrose hin. Da freue ich mich schon drauf.
(guckt ihren Mann aufmunternd an)
Das ist doch toll, daß man jedes Jahr wieder von vorne anfangen
kann. Das, was einen stört, reißt man einfach heraus und pflanzt
etwas neues.
Mann: (blickt auf) Würdest Du das in Deinem Leben auch gerne machen?
Frau: (guckt irritiert) Wie meinst Du denn das?
Mann: Na ja, im Garten hast
Du Deine Freiheit zu machen, was Du willst, weil Dir keiner von uns
da 'rein redet.
Wenn Du das in Deinem übrigen Leben machen könntest, was würdest Du
dann „'raus reißen“ und „neu pflanzen“ wollen?
Frau: (überlegt) Hm, es gibt solche Leute, die alles stehen und liegen lassen und woanders neu anfangen. Manche lassen dabei sogar ihre Familien im Stich, nur um anderswo neu anzufangen...
Mann: (unterbricht) Aber ist das nicht einfach nur eine Flucht? Sie nehmen doch ihre Unzufriedenheit mit, sie nehmen sich doch selber mit. Man sollte doch lieber sehen, daß man sein Leben in Ordnung bringt und nicht davon läuft.
Frau: Manches kann man aber nicht in Ordnung bringen. Man muß es einfach zurück lassen.
Mann: Äh, ich hoffe, Du meinst damit nicht unsere Ehe...
Frau: (lächelnd) Na ja, manches würde ich gerne ändern, aber im Großen und Ganzen halte ich es noch mit Dir aus.
Mann: Dito. (lächelt zurück
und nach kurzer Pause:)
Was kann man denn nicht in Ordnung bringen?
Frau: Die Beziehungen zu manchen Menschen kann man nicht in Ordnung bringen, da
kann man sich einfach nur trennen.
Nimm z.B. Deine Beziehung zu Deiner Schwester.
Wir haben sie seit über vier Jahren nicht mehr gesehen und du
telefonierst nie mit ihr.
Mann: (etwas überrascht) Was
hat meine Schwester denn damit zu tun?
Du weißt doch, wie sie ist.
Sie behandelt mich immer noch wie ihren kleinen Bruder und erklärt
mir die Welt, obwohl ich schon über 40 bin.
Das macht mich verrückt.
Dazu gibt sie mir noch Erziehungstips, obwohl sie selber keine
Kinder hat, das setzt dem Ganzen noch die Krone auf.
Frau: Ja, aber sie hat Dich nach dem Tod eurer Mutter immerhin mit aufgezogen.
Mann: Ja, ich hatte als Teenager eine große Schwester, die sich wie meine Mutter verhalten hat und das dann auch für immer geblieben ist.
Frau: Wirst Du sie überhaupt jemals
wiedersehen?
Sie wohnt über 300 km von uns entfernt und das letzte natürliche
Verwandtenbegegnungstreffen ist schon vorbei.
Mann: „Natürliches Verwandtenbegegnungstreffen“? Was soll das sein?
Frau: Na, die Beerdigung Deines Vaters. Deine Mutter und Deine Großeltern waren ja schon vorher tot.
Mann: Sehr komisch! Was hackst Du jetzt überhaupt auf mir herum?
Frau: Ich hacke nicht auf Dir herum. Ich wollte Dir nur klar machen, daß auch Du schon davon gelaufen bist.
Mann: Ich bin nicht davon
gelaufen. Ich habe halt fern von zu Hause studiert, weil ich die
Uni gut fand und mein erster Job war rein zufällig so weit von
meinem Elternhaus weg.
Außerdem können wir ja meine Schwester einladen, wenn unsere Kinder
heiraten.
Frau: (spöttisch) Wann soll das denn sein? Unsere Älteste ist doch erst 12.
Mann: Ich weiß gar nicht, was
Du hast. Wie ist das denn mit Dir und Deiner Mutter?
Wir fahren, wenn es hoch kommt, einmal im Jahr an Weihnachten zu
Deinen Eltern und schicken ansonsten nur nichtssagende
Geburtstagskarten und Fotos von den Kindern.
Frau: Das ist jetzt unfair. Du hast doch
mit bekommen, daß meine Mutter mich immer noch wie ein kleines
Mädchen behandelt, mir Vorschriften machen will und immer in unsere
Erziehung hineinredet.
Immer, wenn wir länger als einen Tag da sind, gibt es Krach.
Das halte ich einfach nicht aus.
Du weißt nicht, wie das ist, wenn man so behandelt wird.
Mann: (guckt sie entgeistert
an) Häääh? Hast Du mir vorhin zugehört?
(normal) Ich glaube, wir wohnen aus dem selben Grund 300 km von
meiner Schwester entfernt, so wie wir 200 km von Deinen Eltern
entfernt wohnen.
Aber was wäre die Alternative zum Weglaufen gewesen?
Frau: Ich weiß nicht, ob ich es weglaufen
nennen würde, na ja vielleicht doch.
Wie würde ein Neuanfang aussehen?
Soll ich zu ihr gehen und sagen:
Hallo, ich bin Deine 39-Jährige Tochter und wenn Du mich, zumindest
hin und wieder, ernst nimmst, dann kann ich Dich auch öfters mal
besuchen, weil wir uns vielleicht dann einmal nicht streiten.
Mann: Genau,
und ich sage zu meiner Schwester:
Ich bin jetzt groß und habe tatsächlich mein Leben auf die Reihe
gekriegt und würde mich gerne mal mit Dir so von Erwachsenem zu
Erwachsenem unterhalten.
Frau: (gemeinsamer kurzes prustendes Lachen) Das geht irgendwie nicht. So etwas kann ich doch meiner Mutter nicht sagen. Aber warum nicht?
Mann: Keine Ahnung. Einem
Freund kann man vielleicht einmal sagen, daß einen sein Verhalten
verletzt, aber der großen Schwester?
Das geht irgendwie nicht.
Aber es erscheint mir auch nicht richtig, daß wir irgendwie nichts
in dieser Angelegenheit unternehmen.
Meine Schwester ist ja erst an die fünfzig, aber Deine Eltern sind
ja schon über siebzig, die könnten bald sterben. Dann ist die
Gelegenheit vertan. Vielleicht handelt das nächste Telefongespräch,
daß Du mit einem Deiner Eltern führst, darüber, daß der andere
Elternteil gestorben ist.
Frau: Huh, sag nicht so was. Das macht
mir Angst.
Aber ändert ein Gespräch etwas? Ich glaube, meine Mutter ändert
sich nie.
Ich weiß noch nicht einmal, ob ich selbst die Vergangenheit einfach
so hinter mir lassen kann.
Wahrscheinlich würde sie gar nicht verstehen, warum ich mich
verletzt fühle.
Und mein Vater hat sich immer aus allem herausgehalten.
Mann: Ich glaube, daß geht
mir ähnlich. Meine Schwester würde es auch überhaupt nicht
verstehen, warum ich ihr Verhalten damals und auch heute teilweise
unterträglich finde.
Wahrscheinlich wäre sie sogar sehr beleidigt.
Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich mir ihr reden soll.
Frau: Und, was machen wir nun?
Mann: (wartet kurz) Tja, ich würde sagen, wir gehen jetzt in den Garten und ich säge jetzt den häßlichen Busch für Dich ab, so daß Du Deine neuen Rosen pflanzen kannst.
Frau: Das war ja wieder
klar.
(Plötzlich klingelt das Telefon. Sie zuckt zusammen.)
Wenn das jetzt mein Vater oder meine Mutter ist und einem von
beiden etwas zugestoßen ist? Ich trau mich gar nicht, dran zu
gehen.
Mann: Ach was, das wäre jetzt
aber ein Riesenzufall.
Nun mach Dich mal nicht verrückt und geh' ans Telefon.
Es ist bestimmt etwas ganz harmloses.
Frau:
(Nach kurzem Zögern nimmt sie ab)
Hallo... Moment bitte... (Sie guckt etwas abwesend zu ihrem
Mann)
Es ist für Dich. Es ist Deine Schwester.
© Peter Schütt, Leichlingen, 2010